Fit bleiben und sich austoben

In seiner ersten Karatestunde kann ein Anfänger viel lernen. Zum Beispiel, wie man dem Angriff mit einem Messer elegant ausweicht. Oder wie sich die Bauchmuskel nach mehreren hundert Sit-ups innerhalb von eineinhalb Stunden anfühlen. Vor allem lernt ein Anfänger, dass Karate ein herrlicher Sport ist, „um fit zu bleiben und sich auszutoben“, wie es Alexander Grujic aus der Donnerstags-Gruppe bei Osaka Lüneburg formuliert.

Auweia, ob der schwarze Mann im Hintergrund das wirklich richtig macht? Foto: Andreas Tamme

Auweia, ob der schwarze Mann im Hintergrund das wirklich richtig macht? Foto: Andreas Tamme

Mit zittrigen Knien und ein wenig Muffensausen fuhr ich zum Dojo. Was erwartete mich bei Osaka ? Werde ich gleich in wüste Kämpfe verwickelt oder muss ich Koordinations-Chaot gar komplizierte Hieb-und-Tritt-Folgen vorführen ? Von wegen: Heike Herrmann übernimmt in den ersten Minuten das Aufwärmtraining, das eher an ein Lauf-Abc als an eine fernöstliche Kampfkunst erinnert. Vorwärts, rückwärts und seitwärts joggen wir in immer engeren Kurven über die Matte. Ich immer ganz hinten, weil sich alle streng nach Gürtelfarbe sortiert aufstellen.

Intensiv dehnen wir uns einzeln oder paarweise, Thorsten Krajewski hat mittlerweile das Training übernommen. „Findet ihr nicht auch, dass ich über die Feiertage ein bisschen dick geworden bin ?“, fragt er in die Runde, wartet die Antwort gar nicht erst ab, sondern beginnt gleich mit den Sit-ups. „Ichi, ni, san, yon“, zählt er rasend schnell. Und irgendwann nochmal von vorn: „Ichi, ni…“ Für bloß zehn läppische Sit-ups begibt sich dieser Mann nicht auf die Matte.

Thorsten vermittelt uns Grundtechniken, „die immer praxisnah anwendbar sind, damit man eine gewisse Sicherheit bekommt“. Dieser Aspekt ist gerade für Frauen wichtig. „Ich habe etwas für die Selbstverteidigung gesucht und bin nach einem Probetraining beim Karate geblieben“, erzählt Anne Albers: „Verdammt schwer, aber es macht auch viel Spaß.“

Dasselbe immer wieder neu

Mittlerweile sind wir bei den Grundtechniken angelangt. Zum Beispiel bei der Abwehr eines Messerangriffs. „Womit rechnet der Angreifer am wenigsten ?“, fragt Thorsten. „Dass wir ihm entgegenkommen.“ Mit einer Hand schlagen wir dem Angreifer das imaginäre Messer aus der Hand, mit der anderen hebeln wir ihn aus – und ganz nebenbei sollten wir nicht vergessen, einen sicheren Stand zu behaupten. Nachdem mir bestimmt zehnmal die Bauchwand aufgeschlitzt worden ist, bekomme ich es halbwegs hin.

Wir sollen schnell die Partner wechseln, was aber in einem heillosen Durcheinander endet – ein wunderbarer Anlass für Thorsten, wieder zu Sit-ups zu bitten. Die Kunst des Trainierens, das gibt er auch zu, besteht auch darin, „dasselbe immer wieder neu zu verkaufen“. Nur ständige Wiederholungen bringen den Effekt, wie ihn Alexander beschreibt: „Karate ist gut für die Ausdauer, für die Muskeln, für die Koordination – gerade für Menschen wie mich mit einem sehr stuhllastigen Job.“ Mittlerweile erwehren wir uns Angriffen von hinten, machen uns schwer und geben dem Bösewicht einen kräftigen Schlag mit dem Ellenbogen. Gut, dass der Unhold nur ein mit Wasser und Schaumstoff gefüllter Dummy ist. Nicht gut, dass ich ihn trotz großem Krafteinsatzes einfach nicht umkippen kann. Thorsten gibt Tipps: „Fest stehen, immer wieder die Körpermitte finden.“

Irgendwann bittet er uns, natürlich wieder streng nach Gürtelfarbe sortiert, auf die Matte in den Sitz. Ein Gong ertönt, wir schließen die Augen. Noch ein Gong. Wir verneigen uns bestimmt schon zum zwanzigsten Mal voreinander und sind entlassen. Ein paar blaue Flecke und Hautabschürfungen nehme ich als Andenken mit – und die Grundlage für einen ausgewachsenen Muskelkater.

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