Bis an die Grenzen und weiter

Wir stellen uns im Kreis auf, umarmen uns, führen die rechten Hände zusammen. Viele Gesichter wirken angespannt. Teambuilding ist jetzt angesagt. Coach René Vogel schwört uns auf harte 30 Minuten ein, wir brüllen die Losung des Abends: „No pain no gain!“ Kein Schmerz, kein Gewinn. Und los geht‘s mit dem Hochintensiven Intervalltraining (HIIT). „Die effektivsten 30 Minuten, die dein Körper je erlebt hat“, heißt es im Flyer.

Starke Mädels wuchten die Hanteln in die Luft. (Ich auch, aber das sieht man auf diesem Foto gottseidank nicht.) Foto: Andreas Tamme

Starke Mädels wuchten die Hanteln in die Luft. (Ich auch, aber das sieht man auf diesem Foto gottseidank nicht.) Foto: Andreas Tamme

René ist Nationaltrainer für die „Les Mills Grit Series“, ein Fitnessangebot, das aus Neuseeland stammt. Das Format „Plyo“, das er im Adendorfer Olympic anbietet, fördert die Athletik und Beweglichkeit. „Es ist für jeden eine Herausforderung“, sagt er, „denn du hast nicht die Möglichkeit, stehen zu bleiben.“ Nicht einmal für eine kurze Trinkpause – wir nehmen lediglich ein Stepbrett, eine Hantelscheibe und ein Handtuch mit auf die Fitnessfläche.
Zum Aufwärmen dienen Liegestütze auf dem Brett. Rundherum toben sich vor allem die 20- bis 30-Jährigen beiderlei Geschlechts aus. Nicolette (49) hält aber mühelos mit. „Grit schafft tierisch Ausdauer. Du bist danach tierisch ausgepowert“, schwärmt sie. Nicolette schwört auch auf Body Pump, ein weiteres Produkt aus dem Hause Les Mills, betreibt Grit gemeinsam mit ihrem Sohn und dessen Freundin Jasmin. Die 19-Jährige gibt zu, „dass ich beim ersten Mal noch den Schweinehund überwinden musste. Danach hat aber gleich die Sucht angefangen.“

Wir hüpfen nach vorn, hinten, links oder rechts, aufs Brett und wieder runter – es gibt unzählige Variationen, und sie sind alle inklusive der Musik auf die Sekunde genau von Les Mills weltweit vorgegeben. Abwechselnd springen René und seine Freundin Sarah durch die Reihen und korrigieren. „Das Gruppengefühl ist auch sehr wichtig“, sagt René. Viele Teilnehmer tragen ein graues Team-Shirt mit Vornamen und Rückennummer, haben für die beiden Coaches ähnliche Shirts in Schwarz anfertigen lassen.

Wenn Muskeln einen Heulkrampf kriegen

Bald kommen auch die Hantelscheiben ins Spiel. Zehn Kilo für die Männer, fünf für die Frauen. Hoch und runter müssen wir sie stemmen, erst langsam, dann immer schneller. „Alle Kraft aus den Armen“, fordert René. Und die sollen gestreckt bleiben, sagt Sarah, die unverhofft wieder einmal vor mir auftaucht und mir mit zackigen Bewegungen die richtigen Moves vorführt. Schweiß ist, wenn die Muskeln weinen, schießt mir durch den Kopf. Meine bekommen gerade einen Heulkrampf.

Susann (24) kennt dieses Gefühl: „Ich habe gelernt, an meine Grenzen zu gehen. Das ist auch gut für die Konzentration in der Uni.“ Sie hat ihren Freund Felix (23) mit zu Grit geschleppt, und der hat es nicht bereut: „Es ist auch mal gut, weg von den Geräten zu kommen.“ Der Coach unterstreicht immer wieder, wie wichtig es ist, bis zum Ende Vollgas zu geben, damit der Trainingseffekt auch einsetzt. „Man muss dazu eine gewisse Grundfitness mitbringen“, ergänzt René. In seinen Kursen hielten sich auch schon Volleyballer oder Eishockeyspieler fit.

An der Existenz meiner Grundfitness beginne ich gerade ernsthaft zu zweifeln. Die Scheibe wiegt mittlerweile bestimmt 40 Kilo, das Stepbrett ist doppelt so hoch wie am Anfang. Nun stellen wir uns zu zweit oder dritt zusammen auf, laufen auf der Stelle, so schnell wie Usain Bolt, noch schneller, springen hoch. „Los, höher als der andere“, kommt mir eine Anweisung zu Ohren – von René, von Sarah oder aus meinem Inneren?

Die letzte der 30 Minuten zieht sich, ist aber irgendwann tatsächlich vorbei. „Ihr habt es geschafft. Klatscht euch ab, umarmt euch, wenn euch danach ist“, sagt René zufrieden. Ich fühle mich wie nach einem knackigen Intervalltraining auf der Laufbahn im Hochsommer. Ausgetrocknet, kaputt, erleichtert. Aber vor allem fühle ich ein bisschen Stolz.

Wie habe ich es verkraftet? Ein leichter Muskelkater in den Oberarmen – und schwere Beine zwei, drei Tage danach.

Was haben Läufer davon? Hochintensives Intervalltraining, der Name verrät es schon, spart einen Ausflug auf die Bahn, der jetzt im Winter vielleicht auch nicht ganz so viel Spaß macht. Die Belastung ist ähnlich wie bei zig 200- oder 400-m-Läufen am Stück ohne große Pause. Aber in der Gruppe lässt sich das definitiv besser aushalten.

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