Das ist ja krankhaft

Dreimal pro Woche eine Stunde laufen, das ist okay für die Fitness; alles darüber ist krankhafter Ehrgeiz. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich diese These aufgeschnappt habe. Fakt ist: Ich trainiere häufiger und in der Regel auch länger – bin ich krank? Gibt es überhaupt eine offizielle Maßeinheit für krankhaften Ehrgeiz?

Haben diese 10,1 km mir wirklich Spaß gemacht? Foto: TSV Adendorf

Haben diese 10,1 km mir wirklich Spaß gemacht? Foto: TSV Adendorf

Ein paar Tage nach dem Volkslauf in Adendorf habe ich dieses Bild zugemailt bekommen und mich erst einmal erschrocken. Was ziehe ich denn da für ein verkrampftes Gesicht? Ich hatte auf der halben Stadionrunde Gas gegeben und glaubte, ganz zufrieden ins Ziel gelaufen zu sein. War wohl doch nicht so. Ärgerte es mich, dass ich den Läufer vor mir einfach nicht mehr eingeholt habe, oder darüber, dass ich ein paar Sekündchen langsamer als geplant gelaufen bin? Dabei hatte ich gar nichts geplant…

Es gibt sehr viele Arten von Läufern. Da gibt es die Männer (eine Frau dieser Art ist mir noch nie untergekommen), die nur ein Thema kennen: laufen. Unterhält man sich mit ihnen über den Weltfrieden, Pep Guardiola oder den letzten Urlaub, kommen sie schneller, als Usain Bolt 50 Meter sprinten kann, wieder zu ihren Trainings- und Wettkampferlebnissen. Da gibt es andere Männer (und ein paar Frauen), für die ein Wochenende ohne eine Meisterschaft, einen Volkslauf oder wenigstens eine Stundenrennen in der Pampa ein verlorenes Wochenende ist.

Und da gibt es andererseits die Leute, denen es total reicht, wenn sie regelmäßig allein durch den Wald joggen – stets vorm Frühstück, bei Wind und Wetter. Die gehen das Laufen durchaus diszipliniert und ehrgeizig an, auch wenn sie nicht die geringste Lust darauf verspüren, sich mal mit anderen zu messen. Manche lassen sich vielleicht doch überreden, drehen die 10-Kilometer-Runde beim Volkslauf genauso gemütlich wie zu Hause, freuen sich über den Kuchen und gucken in einem Jahr wieder vorbei. Vielleicht.

Krankhaft ist der Ehrgeiz, wenn er im eigentlichen Sinne des Wortes krank macht. Körperlich oder auch seelisch. Ich denke da an eine Frau, die selbst bei internationalen Meisterschaften extrem schnell unterwegs war. Doch es ist ihr nicht gut bekommen: Langwierige Verletzungen und Krankheiten hat sie sich eingehandelt; von ihren alten Lauffreunden hört sie nicht mehr viel. „Was haben Sie denn jetzt davon, dass Sie mal den Marathon in x:xx gelaufen sind?“, hat ihr Arzt sie provokativ gefragt. Nun ist sie froh, wenn sie überhaupt ein paar Kilometer übersteht.

Da gibt es leider einige, in Lüneburg sicher genauso wie in anderen Regionen, die sich und ihrem Körper zu viel zugemutet haben. Sie wollten sich zum Beispiel zu einem angeblich idealen Wettkampfgewicht runterhungern, haben immer noch eine Einheit mehr eingeschoben, liefen gegen den Schmerz oder gegen die Unlust. Und irgendwann sind sie nicht mehr aufgetaucht in den Wettkampfprotokollen.

Laufen ist nicht immer spaßig

Und ich? Ich muss gar nicht mehr so viel übers Laufen reden; mein Ventil ist ja dieser Blog… Mir gibt es zu denken, dass ich in diesem Jahr mir einmal einen Infekt eingehandelt habe und einmal eine Verletzung – beides in der (wohl etwas zu) harten Phase der Marathon-Vorbereitung. Jeder hat seine Grenze, die man nicht willkürlich nach oben schieben kann. Der eine spult problemlos 150 Kilometer pro Woche ab; für den anderen sind 75 zuviel.

Laufen ist nicht immer spaßig. Ab und zu verlässt man halt im Training und erst recht im Wettkampf die Komfortzone; dann wird es erst richtig interessant. Ich kann mich noch an jede Krise in jedem Marathon zu gut erinnern. An den unendlichen Durst auf Mallorca, den rebellierenden Magen in Amsterdam oder die fiesen Blasen in Düsseldorf. Mit ein bisschen Abstand verklärt sich vieles. Aber es bleibt der Stolz, es trotz diverser Widrigkeiten geschafft zu haben.

Mir macht’s inzwischen auf eine merkwürdige Art Spaß, auf der Adendorfer Bahn 3 x 1600 Meter zu laufen und mich zu freuen, dass ich drei Sekunden schneller war als vor drei Wochen. Wenn ich ein Ziel vor meinen Augen habe, renne ich auch los, wenn es eigentlich zu heiß oder zu kalt ist, zu nass oder zu windig. Denn ich denke daran, dass ich beim nächsten Halbmarathon in ein paar Wochen endlich mal unter 1:35 laufen und beim Marathon irgendwann im nächsten Frühjahr auch Bestzeit laufen will.

Klar bin ich ehrgeizig, auch wenn ich niemals auch nur bei einem kleinen Volkslauf aufs Treppchen kommen werde (naja, vielleicht nächstes Jahr in meiner Altersklasse…). Wenn dieser Ehrgeiz aber dazu führt, dass ich auch renne, wenn’s draußen ungemütlich ist, dann finde ich diesen Ehrgeiz nicht krankhaft, sondern einfach gut.

So, ich „muss“ laufen gehen. Nur noch 17 Tage bis zum Halbmarathon in Oldenburg…

Artikelbild: fotolia

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2 Gedanken zu “Das ist ja krankhaft

  1. Laufen kann aber auch „mental gesund“ machen. Ich habe diesen Sommer sicherlich sehr viel Zeit in dieses Hobby investiert – aber es war der beste Weg, um das Ende meiner Ehe zu verarbeiten. Viel nachdenken, den Kopf leer laufen und vor allem: sich selber beweisen, dass man etwas kann; das Laufen hat mir hier garantiert den Allerwertesten gerettet… Ausdauersport hilft ja nachweislich gegen schlechte Stimmung und baut Stresshormone ab, so dass ich da sehr glücklich bin 😉

  2. Ich habe mit einem Trainingsplan über 10 km begonnen und dabei bereits in der ersten Trainingswoche die 3 Stunden deutlich überschritten. Also ich denke nicht das man da ernsthaft von Krankheit sprechen kann. Ich würde es eher als gesundes Maß an Ehrgeiz bezeichnen, da andere Sportarten sich auch in dem Zeitumfang bewegen. 🙂

    Krankhafter Ehrgeiz würde sich vermutlich in einem schlechten Gewissen ausdrücken, wenn man selbst in der Regenrationsphase an nichts anderes als die nächste Laufeinheit denken an.

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