Der Lauf aus der Sackgasse

Denke ich an Joseph Martin Fischer, dann haben sich zwei Bilder eingebrannt. Joschka in Turnschuhen bei seiner Vereidigung zum hessischen Umweltminister 1985. Und Joschka in Laufschuhen beim Hamburg-Marathon 13 Jahre später. Zwischendurch hatte der langjährige Superstar der Grünen eine atemberaubende Karriere hingelegt, wurde Außenminister und Vizekanzler. Er schrieb auch mehr als ein Dutzend Bücher – am bekanntesten wurde aber sein Werk, das absolut nicht mit Politik zu tun hatte, um so mehr aber mit dem Laufen: „Mein langer Lauf zu mir selbst.“

Eigentlich kein Freund von Schwarz-Gelb: Joschka Fischer (Nr. 50) und sein Trainer Herbert Steffny (51) in Hamburg.

Eigentlich kein Freund von Schwarz-Gelb: Joschka Fischer (Nr. 50) und sein Trainer Herbert Steffny (51) in Hamburg.

Es beschämt mich, dass ich dieses Buch erst 15 Jahre nach der Veröffentlichung auf einem Flohmarkt erstmals in die Hand genommen – und auch gleich gekauft – habe. Nun, vor 15 Jahren hatte ich mit Laufen so viel am Hut wie Joschka Fischer zu Beginn seines Buchs. Im Herbst 1996 steckte er „In der Sackgasse“, wie er das erste Kapital genannt hat. Viel zu dick (112 kg bei 181 cm Körpergröße), frisch getrennt von seiner zweiten Frau, tief in einer Lebenskrise.

Wie er aus dieser Krise herausfand, gehört mittlerweile zur deutschen Zeitgeschichte, Er packte die „radikale Umkehr“, änderte nicht nur von einem Tag auf den anderen seine Lebensgewohnheiten, verabschiedete sich von Rotwein und gutem Essen, sondern entdeckte auch das Laufen als effizienteste Abnehmmethode für sich. Der einstige Radsportler und leidenschaftliche Fußballer hatte „nur eins … zeit meines gesamten Lebens niemals gern gemacht, nämlich Laufen“.

Wie er diesen Sport dann doch für sich entdeckte, wie am Anfang ein paar hundert Meter im Bonner Regierungsviertel eine fürchterliche Qual für ihn waren und wie er trotzdem eisern durchhielt, beschreibt er in einer durchaus amüsant zu lesenden Art. Er schont sich nicht, übt sich erfolgreich in Selbstironie. Und doch klopft er sich wiederholt selbst auf die Schulter, gratuliert sich dazu, wie diszipliniert und konsequent er den langen Lauf durchgehalten hat.

Wer auf  Joschka Fischers Art irgendwo zwischen Selbstbewusstsein und Selbstverliebtheit allergisch reagiert, der wird bei dieser Lektüre häufiger laut aufstöhnen. Wer weiß, dass der Jo-Jo-Joschka in späteren Jahren durchaus wieder ordentlich zugelegt hat, das asketische Leben bisweilen wieder vernachlässigte, wird manchmal einfach nur grinsen, wenn sich der Autor einmal mehr als tapferer Laufheld des 20. Jahrhunderts beschreibt.

Ein Vorbild trotz aller Schwächen

Aber: Hier präsentiert sich Fischer als Mensch, trotz aller Schwächen als Vorbild. Wenn es selbst einer der damals bekanntesten und einflussreichsten Politiker des Landes trotz aller Termine schafft, sein Trainingsprogramm durchzuziehen – welche Ausreden hat dann noch ein Normalbürger?

Fischer hatte allerdings nicht nur irgendeinen Trainer. Herbert Steffny machte ihn fit für den Marathon, ihm gehören auch die letzten Seiten des Buchs. Der ehemalige Elite-Marathoni und bekannte Laufbuchautor bringt es auf den Punkt:  „Jogger sind eigentlich das herumlaufende schlechte Gewissen der noch Inaktiven.“

Joschka Fischer und seine Politik waren immer umstritten, selbst oder gerade in seiner Partei. Und dass er später als Berater für Unternehmen wie Siemens, RWE oder BMW tätig wurde, haben ihm viele alte Fans und Weggefährten auch krumm genommen. Aber wenn er auch nur ein paar Menschen in seiner Lage auf Trab gebracht hat, dann hat sich dieses Buch in jedem Fall gelohnt.

Den Link zu Amazon kann ich mir fast sparen, da es das Buch dort nur noch gebraucht (ab 0,01 Euro, leider aber plus Porto) zu kaufen gibt. Auch bei eBay gibt es viele Angebote – und auf dem Flohmarkt werden sicher auch andere fündig!

Foto: fit for fun – mit einem passenden Artikel zum 15-jährigen Jubiläum seines Marathon-Debüts.

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Ein Gedanke zu “Der Lauf aus der Sackgasse

  1. Genug Reklame wurde damals für dieses Buch und Joschka gemacht, und ich war bestimmt einer der Ersten, die es gekauft und noch immer im Bücherschrank hat (könnte es mal wieder in die Hand nehmen!). Fand es toll, was J damals auf die Beine gestellt hatte, andere weniger Bekannte schaffen das bekanntlich auch, auch ohne die Massen von Menschen, die ihm damals hilfreich zur Seite standen.

    Trotzdem fand ich Joschka und auch das Buch gut, schade nur, dass er wieder in seinen alten Lebensstil zurückgefallen ist.

    Sommerliche Grüße von der Ostsee 😎

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