24 Runden durch den Knast

Marathonläufe gibt es für jeden Geschmack. In Großstädten und in der freien Natur. Mit 40000 Teilnehmern oder auch mit 40. Einmalig ist aber der Knastmarathon in Darmstadt, bei dem Insassen die kleine Freiheit im Kreisverkehr kennenlernen. Die Lüneburger Susanne und Jürgen Thies waren jetzt als Gäste dabei und berichten von ihren ganz besonderen Eindrücken.

knast
Unser jeweils 50. Marathon sollte etwas ganz Besonderes sein. Wie kann man New York, London, 10x Berlin, 10x Hamburg etc. noch toppen? Wir machten uns auf die Suche und fanden im Internet den Knastmarathon in Darmstadt. Bereits zum siebten Mal gab es dieses integrative Resozialisierungsprojekt unter dem Motto „Stärken stärken, Schwächen schwächen“, für das etwa 30 Insassen verschiedener hessischer Strafvollzugsanstalten ein Jahr lang trainieren, um dann mit zirka 150 externen Läuferinnen und Läufern 24 Runden innerhalb der Mauern der JVA Darmstadt-Eberstadt zu laufen.

Ein ganzer Marathon in einem so kleinen Gefängnis? Egal, probieren geht über studieren. Beim Einlass mit sehr intensiver Sicherheitskontrolle war uns schon recht mulmig. Wir witzelten noch darüber, dass zumindest Susanne ja prob„lemlos wieder raus könnte, da sie im reinen Männerknast wohl auffallen müsste. Im Startbereich schauten wir uns noch recht diskret unsere Mitläufer an und überlegten schon, was die wohl „auf dem Kerbholz“ haben.

Aber mit dem Startschuss war das vorbei. Auf einmal waren wir nur noch 180 Läuferinnen und Läufer, die die 24 Runden irgendwie schaffen wollten. Und das war an diesem Tag extrem schwer, denn es gab durchgängig Starkregen, starken Wind und Temperaturen um die sechs Grad. Die Laufstrecke bestand nur aus Pfützen, die stetig größer wurden und auf den letzten Runden hatte man das Gefühl, schwimmenderweise vielleicht schneller voran kommen zu können. Externe und interne Läufer haben sich gegenseitig motiviert und vorwärts getrieben und speziell die Frauen bekamen eine sehr intensive Anfeuerung von den anderen Häftlingen, ob sie nun an der Strecke standen oder ob nur durch die Gitter ihrer Zellen zuschauen durften.

Gemeinsam durch die Wasserwüste

Die Stimmung war wirklich toll und die ganze Veranstaltung perfekt organisiert, wenn nur dieser wahnsinnige Regen nicht gewesen wäre. Etwa nach der zehnten Runde kannte man schon jede Läuferin und jeden Läufer und wohl auch jeden Meter des hohen Betonzaunes, innerhalb dessen die sehr anspruchsvolle Strecke mit vielen Kehren und Kurven entlang läuft. Wie muss es erst den Häftlingen ergehen, die nur diese eine Trainingstrecke kennen? Während des Laufes gab es reichlich Gelegenheit zu Gesprächen zwischen den internen und externen Läufern.

Am beeindruckendsten war ein Gespräch, als ein Häftling erzählte, er hätte sein persönliches Ziel schon erreicht: 15 kg abgenommen, aufgehört zu rauchen und die Gewissheit, drei Stunden am Stück laufen zu können. Dieser Läufer hat dann am Ende wirklich den gesamten Marathon geschafft, in den letzten Runden begleitet von einigen anderen Häftlingen. Gegen Ende des Laufes schleppten sich alle Läuferinnen und Läufer nur noch durch die Wasserwüste mit dem einen Ziel, irgendwie durchzukommen. Die Zeit spielte schon lange keine Rolle mehr.

Wir beendeten unseren 50. Marathon in der schlechtesten Zeit all unserer Läufe, aber wurden durch eine sehr bewegende Abschlussfeier belohnt, in der externe und interne Läufer zusammen mit Helfern das Geschaffte feierten. Auch wenn es der härteste Lauf unseres Lebens war möchten wir die Erfahrung, die wir bei dieser außergewöhnlichen Veranstaltung gewannen, nicht missen.

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