Großes Kino

Die Tasche ist gepackt. Noch überlege ich: Trage ich am Sonntag Tuch oder Mütze? Das ärmellose Shirt in apfelgrün oder das etwas dickere tomatenrote Leibchen? Das Ausredenpaket ist aber auf alle Fälle schon geschnürt. Düsseldorf, ich komme! Dieser Marathon kann eigentlich nur schief gehen. Vielleicht habe ich deshalb so gute Laune.

Souvenirs von meinem ersten und bisher einzigen Düsseldorf-Besuch.

Souvenirs von meinem ersten und bisher einzigen Düsseldorf-Besuch.

Kleiner Rückblick auf die Vorbereitung: Drei Volksläufe vor Ort wollte ich mitnehmen. Das klappte nicht so ganz. In Amelinghausen bin eingegangen wie eine Primel,  in Scharnebeck guckte ich krank zu, in Thomasburg humpelte ich verletzt durch die Gegend. In den vergangenen elf Wochen habe ich immer brav die absolvierten Einheiten auf meinem Trainingsplan abgestrichen. Heute zählte ich mal nach: exakt elf Zahlen blieben stehen. Im Schnitt habe ich also nur drei- statt viermal pro Woche trainiert. 25 Prozent Fehlzeiten – damit hätte ich selbst an meinem liberalen Sportwissenschaftlichen Institut in Göttingen keinen Schein bekommen.

Rund 100 Kilometer fehlen mir im Vergleich zum Vorjahr. Okay, hier sind die Ausreden: Ein grippaler Infekt hatte mich in Woche 5 erwischt, eine heftige Sehnenreizung am Knöchel (klingt fast wie die Verletzung eines Zweitliga-Fußballers) in den Woche 9 und 10. Fünf lange Läufe habe ich immerhin geschafft, wobei der fünfte mit einem schon halbkaputten Fuß eine rechte Qual war. Tempoeinheiten? Weitgehend Fehlanzeige. Intervalltraining auf der Bahn? Was ist das? Habe ich schon erwähnt, dass ich mich derzeit gar nicht auf die Waage traue?

Ganz ehrlich: Ich werde glücklich sein, wenn ich die 42,195 km überhaupt halbwegs schmerzfrei durchhalten kann. Noch etwas ehrlicher: Insgeheim würde ich schon gern einen raushauen und halte es nicht für komplett ausgeschlossen. Das Wetter muss stimmen (sieht derzeit passabel aus, 16 Grad mit Wolken lautet die Vorhersage), der Fuß muss natürlich halten, und ich muss mir das Rennen besser einteilen als letztes Jahr in Hamburg. Da rannte ich die erste Hälfte in 1:41:37, schlurfte die zweite in 1:46:25. Das hatte ich schon mal besser hinbekommen. 1:42:30 plus 1:42:30 – das wäre die sportliche Qualifikation für Boston in meiner Altersklasse. Völlig unmöglich für mich. Oder vielleicht doch nicht?

Boston… – ja, da war etwas vor kaum eineinhalb Wochen. Die beiden Bombenattentäter sind tot oder gefasst, längst regieren schon wieder andere Themen wie der bayerische Wurstfabrikant, der keine Steuern zahlen mag, die Schlagzeilen. In Hamburg sagte mir ein Läufer strahlend, die Stimmung sei besser denn je gewesen. Trotz Boston? Oder vielleicht gerade wegen Boston? Die Organisatoren in Düsseldorf hatten schon in der vergangenen Woche erklärt, dass sie keine Aktionen zu Boston planen, „da wir den Attentätern, die solche Gräueltaten verüben nicht die Plattform geben möchten eine noch breitere Öffentlichkeit zu erreichen“. Hmmm… So bleibt es jedem selbst überlassen, wie er den Opfern gedenkt.

Diese Häuser sind wirklich so schief - und sehen nicht erst bei Kilometer 38 so aus.

Diese Häuser sind wirklich so schief – und sehen nicht erst bei Kilometer 38 so aus.

Wieso fahre ich eigentlich nach Düsseldorf? Nun, der 28. April passte mir vom Termin her am besten, als Alternative hätte es nur den Oberelbe-Marathon gegeben – und in Dresden bin ich schon mal gelaufen. Ich kenne Düsseldorf absolut nicht, war nur einmal 2000 im mittlerweile gesprengten Rheinstadion, als sich die Fortuna in der Regionalliga zu einem 2:0 gegen den Lüneburger SK quälte (am Ende der Saison stiegen beide Teams verdientermaßen ab). Die Düsseldorfer Fans hatten damals unter dem Eindruck des Gegurkes in den Wochen zuvor einen Boykott angekündigt und wollten eine Viertelstunde draußen bleiben und schweigen. Dummerweise schoss die Fortuna aber schon nach zwei Minuten das 1:0 – und alle waren plötzlich auf den Rängen und sangen. Was einem so in Erinnerung bleibt…

Ansonsten fällt mir zu Düsseldorf bisher noch nicht wirklich viel ein. Welchem Nicht-Düsseldorfer fällt schon auf Anhieb ein prägendes Bauwerk ein? Die Kö vielleicht, die ich mir als Mönckebergstraße in Rheinnähe vorstelle (für Düsseldorfer, die Hamburg nicht kennen: Die Mö ist quasi die Kö in Elbnähe…). Wie ich gerade las, besteht die Düsseldorfer Ausgehuniform aus Yorkshire-Terrier, Louis-Vuitton-Tasche und Accessoires von Cartier. Und logieren werde ich in Oberkassel, „Heimat reich gewordener Werber und SUV-Fahrer“ – „Wenn sommers die Cabrios vorgeführt werden, gibt’s großes Kino.“ Alles nur Zitate. Hoffentlich darf ich die linke Rheinseite überhaupt in Sportklamotten betreten.

Ich verbinde mit Düsseldorf ansonsten Verona Pooth und die Ärzte – eine Frau, die noch nie cool war, und eine Band, die es nicht mehr ist. Fortuna natürlich und die im Augenblick mal wieder dahinsiechende DEG. Nicht zu vergessen der Karneval, der aber viel frecher sein soll als die Parallelveranstaltung in Köln. Ach ja, Witze über die angebliche Feindschaft zwischen Düsseldorfern und Kölnern sollen soooon Bart haben, ähnlich wie Spötteleien über das angeblich nicht existierende Bielefeld. Ich habe Düsseldorf auch noch nie mit Duisburg oder Dortmund verwechselt, wie es manch anderer Nordostniedersachse schon schaffte.

Aber ich bin ja begeisterungs- und lernfähig. Ich mag moderne Architektur (vielleicht, weil ich den ganzen Tag auf Backsteingotik gucken kann), zum Beispiel diese herrlich krummen Häuser, die ungefähr bei Kilometer 38 den Marathon-Kurs flankieren. Hoffentlich habe ich dann noch ein Auge übrig für diese Bauten. Oder die Rheinpromenade. Oder die vielen tollen Museen mit moderner Kunst, von denen ich jetzt erst gelesen habe. Und ich bin nur drei Tage vor Ort, sollte dabei die Füße möglichst auch ein bisschen still halten.

Düsseldorf, ich freue mich auf dich.

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