Hammerhart – Update mit Bildern

Wo lässt man auf einer Strecke von offiziell 21,0975 Kilometern nur eine Sekunde liegen? Hätte ich die Oma mit dem Rollator doch über den Haufen rennen sollen? Die beiden allzu gemütlichen Walker lauthals von der Piste jagen sollen? Eine der unzähligen Schleifen im Park ein klitzekleines bisschen abkürzen sollen? Nein, ich bin doch kein Scheusal. Und freue mich über meine gute Zeit beim Hammer Lauf, auch wenn ich meine Bestzeit um genau ein Sekündchen verpasst habe.

Weil die Lauffotos noch nicht online sind, gibt's als Platzhalter erst einmal mein langweiliges Bild von der HT-16-Halle.

Die HT-16-Halle – Heimat des tatsächlich ältesten Sportvereins der Welt. Die Halle wurde nicht 1816 gebaut, auch wenn sie bisweilen so wirkt.

Erst einmal der Vergleich: Was ist in der Weltstadt Hamburg anders als bei uns in der Provinz? Zunächst einmal das Startgeld – 14 Euro für einen Wald-und-Wiesen-Halbmarathon sind ganz schön happig. Und mit der U-Bahn reise ich sonst auch nicht so häufig zum Volkslauf an. Kaum hat mich die U2 bei der Station Burgstraße nur knapp fünf Minuten vom Hauptbahnhof entfernt ausgespuckt, fühle ich mich aber heimisch. Aufgeregte Kinder werden von noch aufgeregteren Muttis in die HT-16-Halle gezerrt, einer dieser Prachtbauten aus den Sechzigern, bei denen man nicht so recht weiß, ob man sich mehr Gedanken um die Statik der Decke, die Haltbarkeit der Fenster oder die nächste Ölrechnung machen muss.

Die ersten Senioren laufen sich in Singlet und kurzer Hose bei Temperaturen knapp über null Grad „warm“, haben sich die Startnummer pflichtschuldigst bereits an die Brust geheftet. Wären sie Russen, dann wären sie die Typen, die am 6. Januar ein Loch ins Eis picken würden, um mal zehn Minuten locker in der Wolga zu schwimmen. Poser, wie sie ein paar Kilometer westlich in Massen an der Alster zu finden sind, sucht man hier vergeblich. Dafür grüßt mich unverhofft der berühmte Wilhelm Stumpenhausen vom MTV-Lauftreff aus Lüneburg und lästert mit mir über die Leute, die sich jetzt zeitgleich in Berlin beim Halbmarathon auf die Hacken steigen. In Hamm treten exakt 79 Frauen und Männer zu den vier Runden an.

Start zum Halbmarathon - Harry Potter II. läuft mir (vorerst) davon.

Start zum Halbmarathon – Harry Potter II. läuft mir (vorerst) davon.

Auffällig viele jüngere oder alte Läufer trifft man hier, von dem bei uns üblichen Überschuss an Startern in der M40 und M45 ist hier nichts zu sehen (wie wäre ich denn sonst auch Altersklassen-Vierter geworden?). Hamburger in den Vierzigern scheinen nicht zu laufen, sondern zu golfen oder müssen sieben Tage pro Woche mit Immobilien handeln. Oder sie haben genug zu tun im Aufsichtsrat des HSV. Apropos Verlierer: Einige der Läufer in Hamm tragen trotzig Mützen oder Shirts mit der Raute. „Wie habt ihr denn eigentlich gestern gegen Freiburg gespielt?“ – diese Frage kann ich mir gerade noch verkneifen. Fußball ist für einen Bochum-Fan derzeit sowieso kein gutes Thema.

Ein Kilometer ist ein dehnbarer Begriff

Der Halbmarathon-Start verzögert sich ein wenig, weil bei den Kinderläufen noch so viel los ist. Na, wenn es einen akzeptablen Grund gibt, dann diesen. Ich staune, dass die schnellsten Jungs die 1100 Meter in kaum vier Minuten runterspulen, und weiß genau, dass diese am Ball bleiben und mich spätestens an ihrem 16. Geburtstag auf den längeren Strecken demütigen werden, während die kleinen Dicken bis dahin schon längst zum PC-Sport oder in den Ultra-Block vom HSV Barmbek-Uhlenhorst gewechselt sind.

Nun geht’s aber rund. Einen Halbmarathon mitten in einer Weltstadt anbieten, wenn man nur zwei kleine Parkstücke und eine verkehrtsberuhigte Straße zur Verfügung hat, das ist gar nicht so einfach, von daher lohnt sich ein anerkennender Blick auf den Streckenplan.  Es geht also häufiger nach links oder rechts, einmal sogar recht steil bergab und wieder hoch. Kilometerschilder sind auch aufgestellt. Allerdings merke ich bald, dass ich zwischen Kilometer 1 und 2 immer gut eine halbe Minute schneller bin als zwischen 3 und 4 – ein Kilometer ist in Hamburg ein dehnbarer Begriff.

Vor mir rennt kurz ein junger Kerl mit einer Uhr herum, die ihm irgendwann im Flughafen-Durchsagenton und auch in entsprechender Lautstärke ansagt, dass er jetzt exakt 20 Minuten unterwegs ist, 4-Komma-irgendwas Kilometer geschafft hat, was einer Pace von 4:37 entspricht. Prima, genau diesen 4:37er-Schnitt hatte ich mir doch vorgenommen. Soll ich mich an diesen Kerl heften? Wenn ich das getan hätte, wäre ich wohl jetzt noch zwischen Thörlspark und Hammer Park unterwegs. Ich überhole ihn und sehe ihn nie wieder.

Der Opa von Usain Bolt ist auch da

Nach drei von vier Runden habe ich zumindest die Ahnung, dass ich gar nicht so weit weg von meiner Bestzeit sein könnte, auch wenn die Rechnerei schwer fällt. Denn auf der ersten Runde gab es noch einen kleines Extrastück, die letzte endet vorzeitig mit der Kurve Richtung Ziel. Nach drei Runden müsste ich also schon mehr als 15, aber knapp noch nicht 16 Kilometer geschafft haben. Der Kerl mit der Uhr könnte mir die zurückgelegte Distanz auf den Zentimeter genau sagen, wenn er noch in der Nähe wäre. Pi mal Daumen, so rechne ich hoch, könnte es mit einer 1:38 klappen.

Was definitiv nicht klappen wird, ist ein Marathon mit meinen Saucony Fastwitch 5. Die Treter sehen toll aus und sind schön leicht, aber vielleicht doch etwas zu leicht für einen kompakten Klops wie mich. Den Halben schaffe ich hoffentlich noch knapp mit diesen Schuhen. Bei Kilometer 19 zieht ein Alter im Usain-Bolt-Tempo an mir vorbei, komischerweise finde ich aber später keinen älteren Herrn vor mir im Klassement. War’s ein optisch vorzeitig gealterter Mittvierziger, ein 10-km-Läufer, der die ersten acht Kilometer hemmungslos vertrödelt hat, oder gar ein Zaungast, der mal kurz zum Sprint ansetzte?

Groß ist die Freude über die (vermeintliche) Bestzeit.

Groß ist die Freude über die (vermeintliche) Bestzeit.

Ich gebe jetzt aber auch Gas, denn es könnte noch hinhauen mit der Bestzeit. Bei ungefähr 1:37:20 passiere ich die vermeintliche 21-km-Marke, bei 1:37:40 biege ich in den Zielbereich ein. 1:37:45! Wahnsinn! Bestzeit um zwei Sekündchen gesteigert! Nun, nach dem Duschen gucke ich noch einmal auf den Ergebnisaushang und sehe eine 1:37:48 hinter meinem Namen. Drei Sekunden Unterschied nur für die Menschheit, eine gewaltige Differenz für mich.

Schade. Aber meine Trauer hält sich in Grenzen. Veranstalter und Mitläufer haben mir versichert, dass die Distanz einem echten Halbmarathon entspricht, offiziell ausgemessen ist er aber nicht. Hauptsache ist doch, dass ich tatsächlich doch ungefähr so schnell wie im Vorjahr laufe – und damit vielleicht in Düsseldorf auch meinen Hausrekord angreifen kann, ohne nach 25 Kilometern auf den Brustwarzen kriechen zu müssen.

In Hamburg, das ist vielleicht doch ein Unterschied zur Provinz, verläuft sich alles nach dem Wettkampf sehr schnell. Ich esse noch einen leckeren Marmorkuchen, steige in die U2, dann in den Metronom und bin keine Stunde später schon wieder in Lüneburg. Hat Spaß gemacht!

Einen Bericht und weitere Bilder vom Lauf gibt es auf der Homepage der HT 16.

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