Die Meeresschildkröten des Waldes

Irgendetwas habe ich in den vergangenen Tagen vermisst. Als mir dann am Sonntag doch eine mir unbekannte Läuferin mit schwerem Schritt, aber in betont modischer Aufmachung entgegenkam, wusste ich es. Wo sind in diesem „Winter“ nur die ganzen Männer und Frauen abgeblieben, die sich ansonsten zwischen Weihnachten und Neujahr ein paar Male in den Wäldern blicken lassen, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden? Sind die guten Vorsätze 2013 etwa schon im Ansatz gescheitert, weil das Wetter einfach zu mies war? Höchste Zeit für einen offenen Brief.

Liebe Gute-Vorsatz-Läuferinnen und Läufer!

Keine Angst: Niemand will sich hier über euch lustig machen. Ich schon gar nicht. Lebhaft kann ich noch an meinen ersten Laufwinter erinnern, als ich selbst bei plus 10 Grad mit Baumwollmütze, Kapuzenpulli und dicker Hose durch die Gegend schlich. Ein irgendwie durchdachter Trainingsaufbau? Ein langsames Heranführen an die Lauferei durch Gehpausen? Unsinn, ich wollte doch nur rennen. Und ich tat es, bis ich nicht mehr konnte. (Was anfangs relativ schnell der Fall war.)

Ganz in Schwarz und ziemlich dick angezogen: mein erster Lauftreff 2007...

Ganz in Schwarz und ziemlich dick angezogen: mein erster Lauftreff 2007…

Kurzum: Ich habe auch alles falsch gemacht, was ihr jetzt falsch macht. Wenn ich einen von euch mit puterrotem Kopf sehe, weil er sich für seine Laufrunde wie für eine Polarexpedition gekleidet hat, weiß ich, wie beschissen er sich fühlen muss. Ihr müsst beim Laufen nicht den Kältetod fürchten. Ihr braucht für 20 Minuten Sport am Stück weder Energieriegel noch isotonische Getränke mitnehmen. Ihr müsst auch nicht viele hundert Euro für jeden Ausrüstungsschnickschnack ausgeben – das mit den Ausgaben kommt noch von ganz allein. Ihr braucht nur vernünftige Schuhe von einem vernünftigen Spezialisten. Lasst euch keine „Nike free“ oder ähnlich angesagte Modelle andrehen, denn die sind für ungeübte Knochen und Sehnen ungefähr so gut geeignet wie für eine Himalayatour beim Schneesturm. Lasst euch aber auch nicht die am dicksten gedämpften Schuhe des Ladens andrehen. Ein bisschen darf der Sport auch in die Füße gehen.

Denn ihr müsst euch darauf einstellen: Ihr seid nicht nach einer Runde durch den Wald der große Laufcrack und werdet auch nach der zweiten oder dritten Einheit noch nicht vor Glück schreien. Ihr solltet auch nicht von einem  Marathon in drei Monaten träumen. Das ist theoretisch vielleicht machbar, praktisch aber Gift für die Gelenke und die Motivation. Je langsamer ihr die Sache angeht, umso mehr werdet ihr davon haben. Ihr werdet nicht mehr so leicht aus der Puste kommen, immer weniger schwitzen, länger und schneller laufen können, keine Kalorien mehr zählen und keine Diäten mehr einhalten, weil ihr das gar nicht mehr nötig habt – und irgendwann macht das alles sogar richtig Spaß. Und zwar umso mehr, je anstrengender es ist. Warum müssen denn ansonsten normale Leute einen Marathon oder noch längere Strecken bewältigen? Bestimmt nicht, weil es ein Spaziergang ist.

Ausreden gibt es immer

Aber: Lauft heute los und nicht erst morgen! Lasst euch nicht von tagelangem Nieselregen, durchweichten Waldwegen oder fiesem Westwind abhalten – an einem lauen Frühlingsabend rennen, das kann schließlich jeder. In zwei Wochen liegt vielleicht Schnee, in sechs Wochen fliegen Blütenpollen, in zehn Wochen ist es manchem schon wieder zu warm. Ausreden gibt es immer.

Laufanfänger wie ihr erinnern mich an frisch aus den Eiern geschlüpfte Meeresschildkröten. Am Strand warten Schwärme mit Millionen hungriger Möwen und Raben, die sich alle ihren Wanst mit euch armen Kreaturen vollschlagen wollen. Habt ihr die ersten Wellen erreicht, könnte euch die Wucht des Wassers wieder zurückspülen zu euren gefiederten Feinden. Fische, Haie und diverses Meeresgetier haben euch auch zum Fressen gern. Ihr müsst schon zäh sein und viel Glück haben, um wohlbehalten im offenen Meer anzukommen. Wer erst einmal groß und stark ist, der muss kaum noch ein anderes Tier fürchten (leider nur den Menschen). Wer aber ängstlich das Köpfchen einzieht in seinem Nest hockenbleibt, der wird erst recht keine Überlebenschance haben.

Und ihr werdet euch nicht einmal vor Möwen hüten müssen, sondern allenfalls vor bissigen Hunden. Und vor doofen Kommentaren der alten Laufhasen.

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