Wovon Murakami redet

Zumindest ist er nie gegangen. Ein stolzer Satz, den sich Haruki Murakami auf seinem Grabstein vorstellen kann. Der japanische Autor lief, ganz für sich allein, die klassische Marathonstrecke in Griechenland. Er bewältigte sogar einen 100-Kilometer-Lauf in seiner Heimat. Und er ist dabei nie gegangen. Diese beiden Läufe bilden die Grundlage seines wundervollen Buchs  „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“, das so ganz anders wirkt als seine  Romane. Murakami entführt seine Leser ausnahmsweise nicht in Parallelwelten, sondern berichtet einfach nur darüber, was ihm das Laufen bedeutet. Der Leser lernt Murakami über dieses Buch noch besser kennen als über viele seiner fantastischen Erzählungen.

murakami

„Ich habe in meinem Leben immer das gemacht, was ich wollte“, betont Murakami. Schreiben eben. Und laufen. Er hatte weder Talent für noch Lust auf Mannschaftssportarten. Er beschreibt sich als einen nicht besonders geselligen Mann. Er ist eher der zähe als der schnelle Typ. Und er hat festgestellt, dass ihm sein Sport dabei hilft, fit zu sein fürs Schreiben und mit sich selbst ins Reine zu kommen. Kondition und Konzentration, so Murakami, braucht ein Schriftsteller, um auf Dauer fruchtbar arbeiten zu können. Eigenschaften, die sich durch das Laufen perfekt fördern lassen.

Herrlich lakonisch wirkt der Stil und unspektakulär, kein Wort ist zuviel. Es treten weder junge Frauen mit übersinnlichen Kräften auf noch sprechende Katzen. Ein paar Zeitsprünge gönnt sich Murakami wenigstens, beginnt in der Gegenwart mit der Vorbereitung auf einen New-York-Marathon und den üblichen Problemen, die ein Athlet dabei haben kann. Er lässt uns dann teilhaben an seinen Gedanken, als er auf einer stark befahrenen Landstraße von Athen nach Marathon trabte oder als er bei seinem 100-Kilometer-Lauf nach 75 Kilometern den Durchbruch erlebte: „Plötzlich merkte ich, dass ich auf der anderen Seite war.“  Murakami läuft, „um Leere zu erlangen“. Während dieses Ultralaufs hat er sich komplett entleert. Da ist es nur konsequent, dass er danach für Jahre zum Triathlon wechselte.

Murakami stellt ganz nebenbei die großen Sinnfragen. Er weiß genau, dass er jedes Jahr ein bisschen langsamer werden wird und sich noch ein wenig mehr quälen muss, doch er akzeptiert diese Tatsache mit diesem grandiosen Satz: „Und eines der glücklichen Privilegien der Menschen, die einem frühen Tod entgangen sind, ist die besondere Gnade, alt zu werden. Uns wird die Ehre körperlichen Verfalls zuteil. Dies ist die Realität, an die wir uns gewöhnen müssen.“

Murakami hat sich offenbar an diese Realität gewöhnt. Man lernt ihn und seine Gedankenwelt in diesem wunderbaren Buch vielleicht erst beim zweiten oder dritten Lesen richtig kennen. Und man weiß, dass in seinen Helden, die oft am Rande der Gesellschaft ihr ganz eigenes, unkonventionelles Leben leben, sehr viel von ihm selbst drin steckt. Dieses Buch ist nur vordergründig ein Buch über das Laufen. Es ist vor allem ein Buch über Murakami.

Wer sollte dieses Buch lesen? Klar doch, alle Murakami-Fans, ob sie nun laufen oder nicht.

Wer nicht? Trainingsplan-Fetischisten könnten ihre Probleme mit diesem Buch bekommen, sobald Murakami erklärt, wie er sich auf einen Marathon vorbereitet…

Mehr Infos zum Buch auf Amazon unter diesem Link: Wovon ich rede…

 

 

 

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