Schluss mit der Esoterik

Bisher habe ich nicht sonderlich bedauert, dass ich nicht im südlichen Hessen lebe. Doch jetzt weiß ich, dass dieser Landstrich die höchste Volkslaufdichte der Republik aufweist. Und dass dort eine Chronistin dieser Läufe zwischen Bonames und Nidderau wohnt, die es auf herrliche Weise versteht, die Stimmung solcher Läufe, die alles andere als Events sind, einzufangen. Heidi Schmitt heißt sie, „Jubiläumsbecher in der Busspur“ ihre Textsammlung, die aus ihrem famosen Blog Laufen mit Frau Schmitt entstanden ist.

So viele Leute schreiben über ihre Heldentaten beim Citymarathon oder Waldlauf. Wer nicht gerade eine Marathon-Bestzeit von 2:25 oder wenigstens ein paar Altersklassentitel in seinem Bundesland vorweisen kann, sollte dabei mit Selbstironie nicht geizen. Das kann leicht albern werden. Oder doch zur Prahlerei mit einem Augenzwinkern geraten. Nach dem Motto: Ich mach‘ mich zwar lustig über mich, aber ihr wisst doch alle, was für ein toller Hecht ich bin. Frau Schmitt ist von beiden Extremen so weit entfernt wie ein Durchschnittsjogger vom Start bei den Olympischen Spielen in Rio 2016. Sie ist einfach eine sehr aufmerksame Beobachterin, nimmt ihre Umwelt mit Auge, Ohr und Nase ebenso schonungslos wie liebevoll wahr.

Frau Schmitt ist auch mal durch New York gelaufen und hat viele Stunden beim Frankfurt-Marathon das komplette Feld vom Sieger bis zum Schlusslicht angefeuert (und fein beobachtet). Das Herzstück dieses Buchs bilden aber die Berichte von so herrlichen Ereignissen wie dem Eppsteiner Burglauf oder dem 10-km-Lauf in Stierstadt. Sie freut sich, wenn sie die arrogante Fitness-Zicke abhängen kann, bewundert Zausel, kämpft mit ihrer „Unterhose des Verderbens“ und findet Berge gar nicht mehr so schlimm, seitdem sie alle Anstiege nur noch „topographische Begebenheiten“ nennt.

Von der Umkleide bis zum Kuchenbüffet nimmt sie Läufer wie Nicht-Läufer an die Hand, um ihnen die kleine Welt des Volkslaufs mit all ihren skurrilen Typen zu zeigen. Allein schon die Kapitelüberschriften sind ein Genuss. „Die Einsamkeit des Kurzstreckenstreusels“ – einfach herrlich.

Was reimt sich auf Seesen?

Und Frau Schmitt kann sogar reimen, wie ihr Achtzeiler „Schluss mit der Esoterik“ beweist. Sie läuft einfach, will nichts von einem „Lauf ins eigene Ich“ wissen – sehr sympathisch. Und auf der nächsten Seite folgt sogar ein Limerick aus meiner Heimatstadt, die sich nun leider wunderbar auf Tresen reimt…

Diese Perle eines Buchs erschien übrigens im Verlag Books on Demand. Daher verzichte ich an dieser Stelle auf den üblichen Amazon-Link und verweise lieber direkt auf den Blogbeitrag, in dem die Geschichte dieses Buchs geschildert wird, das aus eben diesem Blog entstanden ist… Zu kompliziert? Und irgendwann lauf‘ ich vielleicht auch mal in Bonames oder Nidderau oder wenigstens in Frankfurt den Marathon und kann mir irgendwo auch den Jubiläumsbecher abholen. Muss ja nicht in der Busspur sein.

Wer sollte dieses Buch lesen? Männer, die schon immer mal wissen wollten, wie es in einer Damenumkleide abgeht und welches Körperteil nur Frauen haben (das Bauchbeinepo…). Nicht-Läufer, die schon immer mal wissen wollten, warum diese komischen Läufer sonntags mitten in der Nacht aufstehen, um irgendwo durch den Wald zu rennen (wegen des Streuselkuchens natürlich!)

Wer nicht? Poser, die mit einem Finisher-Shirt aus Boston um die Hamburger Binnenalster wetzen. Leute, die Laufbücher nur kaufen, um ihre Marathon-Zeit zu verbessern.

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Ein Gedanke zu “Schluss mit der Esoterik

  1. Pingback: Jubiläumsbecher in der Busspur - das Buch » Laufen-mit-frauschmitt

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