In der Achterbahn der Gefühle

Von diesem Marathon in New York werden alle noch ihren Enkeln erzählen. Obwohl oder gerade weil das Rennen den Folgen von Hurrikan „Sandy“ zum Opfer gefallen ist. Die Lüneburger Reiseveranstalterin Heike Lessner begleitete diesmal eine 60-köpfige Gruppe aus dem gesamten Bundesgebiet in die USA. Sie erlebte viele stressige Situationen, viel Ärger, aber auch unvergessliche Momente.

Heike Lessner vor dem versperrten Ziel des New-York-Marathons.

„Sandy“ wütete exakt eine Woche vor dem Marathontermin. Mehr als 100 Todesopfer forderte der Hurrikan allein in New York und dem angrenzenden Bundessstaat New Jersey. „Aber Bürgermeister Bloomberg hat gesagt, dass der Marathon stattfindet. Also sind wir auch davon ausgegangen“, erzählt Heike Lessner. Sie lief selbst dreimal die 42,195 km in New York, war aber trotzdem davon überrascht, „wie ambitioniert viele Läufer sind. Alle wollten starten, niemand ist zu Hause geblieben.“

Am Donnerstag kamen Lessner und der Großteil ihrer Gruppe an. „Nahezu planmäßig“, wie sie betont, „im Hotel funktionierte alles. Manhattan hatte wenig abbekommen. Es fuhren nur auffällig weniger Taxen als sonst, weil das Benzin schon knapp war.“ Noch gingen alle davon aus, dass der Marathon mit seinen rund 45 000 gemeldeten Aktiven tatsächlich stattfinden würde. Doch die Reiseveranstalterin bemerkte schon, dass die Stimmung in der Stadt kippte: „Der Druck wurde immer größer. Es gab große Versorgungslücken, Stromausfälle. Viele Einwohner meinten, dass New York ganz andere Sorgen hat als einen Marathon. Und dazu standen die Präsidentschaftswahlen vor der Tür.“

Frusttrinken an der Hotelbar

Zwei Tage vor dem geplanten Start beugten sich Bloomberg und der veranstaltende Club New York Roadrunners dem Druck, sagten den Marathon ab. Zu einem Zeitpunkt, als praktisch alle Starter aus dem Ausland schon vor Ort waren. Die Reaktionen in der Gruppe der Lüneburgerin waren klar. Alle waren enttäuscht, viele waren verärgert über den späten Zeitpunkt der Absage. „Einer stand zehn Minuten wie versteinert vor mir, meinte dann: ,Da gibt es aber noch Gesprächsbedarf'“, so Lessner. Viele zog es dann an die Hotelbar, um den Frust zu ertränken. Monatelang hatten sie auf dieses Ereignis hintrainiert, sich viele Genussmittel verkniffen – nun war alles plötzlich egal.

Lessner saß bis tief in die Nacht in Krisensitzungen, schnell ging es auch um Haftungsfragen: „Abgesehen von der Finisher-Medaille haben die Teilnehmer ja nichts von den versprochenen Leistungen bekommen“, sagt sie. Dass die Veranstalter sehr bald jedem einen Startplatz für 2013 versprachen, konnte auch nicht alle trösten, zumal viele die Plakette aus Prinzip nicht annahmen – sie hatten den Lauf ja nicht gefinisht.

Doch nun machten die meisten Reisenden das Beste aus der Situation. Am Sonnabend wäre eigentlich Schonung angesagt, stattdessen erkundeten nun viele zu Fuß die aufregende Stadt. Und sehr bald sprach sich herum, dass am Tag des Laufs ein „New York Run Anyway“ (Trotzdem laufen) im Central Park stattfinden sollte. Gut 20 000 Frauen und Männer trafen sich ohne jegliche offizielle Unterstützung dort, um das zu tun, wofür sie eigentlich in die USA gekommen waren. Laufen – und zwar ohne Zeitdruck mit einer Stimmung wie sonst bei einem echten Marathon in New York. „Der Zielbereich wurde sogar abgesperrt. Aber findige Läufer organisierten vor dem eigentliche Finish einen Zieleinlauf, der alle Läufer begeisterte, weil jeder der dort durchlief wie ein Finisher gefeiert wurde. Einfach großartig !“, so Lessner.

So schnell weg wie möglich

Sie war beeindruckt von einer Frau aus ihrer Gruppe, die vier 10-km-Runden drehte, also praktisch die komplette Marathondistanz, und dann abends zufrieden ins Flugzeug Richtung Heimat stieg. Viele wollten nun so schnell weg wie nur möglich, andere genossen Big Apple ohne Rücksicht auf ihre Kondition, wie sie es bei einem Marathonstart sonst niemals hätten tun können.

Im Central Park sammelte das Feld nebenbei Geld und Sachspenden für die Hurrikanopfer. Andere nahmen parallel die Fähre Richtung Staten Island, packten auf der besonders betroffenen Insel mit an. Heike Lessner war tief beeindruckt: „Die Läufergemeinde ist doch eine ganz besondere. Die haben Solidarität vorgelebt.“

Die Lüneburgerin ist mittlerweile wieder in der Heimat, hat viel Papierkram rund um die Folgen dieser Reise zu erledigen und hofft, dass die Kunden beim Veranstalter zumindest eine Preisminderung durchsetzen können. Ganz unabhängig aber von diesen Diskussionen hat sie festgestellt: „Aus unserer Gruppe mit 60 Läufern haben sehr viele Strapazen auf sich genommen, wie das Warten ob die Flüge stattfinden, das Umbuchen in eine andere Stadt, Verspätungen, lange Transferzeiten in die Hotels. Alles, um in New York zu starten. Das habe ich vorher in solch einem Umfang noch nie erlebt.“ Aber sie wird es im kommenden Jahr erneut erleben: Gut die Hälfte der Reisenden hat schon erklärt, 2013 unbedingt das Versäumte nachholen zu wollen.

(Aus der Landeszeitung für die Lüneburger Heide vom 10. November)

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