Völlig alle auf Malle

19. Oktober 2008 – exakt vier Jahre ist es schon wieder her, dass ich meinen ersten Marathon erlitten habe. Auf Mallorca, bei 26 Grad auf einer Strecke, die ab Kilometer 22 praktisch zuschauerfrei war. Ideale Voraussetzungen also für einen Anfänger. Das konnte nicht gut gehen – stellte ich schon damals in meinem Leidensbericht fest:

Oben, der 2. von rechts: Die Begeisterung über ein Gruppenfoto knapp 10 Minuten nach dem Zieleinlauf ist mir deutlich anzusehen.

Ein Marathon ist exakt 42,195 km lang und nicht nur 39. Die Leiden kommen gern dann, wenn man gar nicht mehr damit rechnet. Mallorca bei 26 Grad und praller Sonne ist denkbar ungeeignet für den ersten Marathon. Und: Bei der Premiere ist die Zeit so etwas von egal. Das alles habe ich innerhalb von einer knappen Stunde gelernt. Die bisher längste Stunde meines Lebens. Aber: Jetzt kann ich endlich wirklich mitreden.

Was habe ich alles in mich hineingeschaufelt! Wasser, eklig süße Elektrolyte, Salztabletten, Bananen, zwei Kohlehydrat-Bomben in Marshmallow-Form – es war zu wenig. Meine ersten 35 Kilometer liefen problemlos, zu problemlos. Robotergleich hielt ich meinen Schnitt, ließ mich nicht einmal durch die Bratwurst-Dämpfe um den Ballermann 6 herum aus dem Rhythmus bringen. Um mich herum begannen die Ersten zu gehen. Ein Nordhorner brüllte seinen auf dem letzten Loch pfeifenden Kumpel an: „Wer Ausreden sucht, der hat schon verloren.“ Gern hätte er seinen Begleiter wohl einfach in den Hintern getreten.

Dann die Dünen. Die Sonne im Nacken, die Kathedrale von Palma immer noch nicht in Sicht. Ich fühlte mich allmählich wie ein Becher Vanilleeis in der Mikrowelle. Hoppla, war ich da in eine Absperrung gelaufen oder war das jemand anderes? Lief ich, der Sause-Saffti, da gar Schlangenlinien? Ich lief. Und Sekunden später lief ich nicht mehr, sondern mir wurde schwarz vor Augen und ich saß auf dem Hosenboden. Nichts ging mehr.

Kennen Sie Walt Disneys Fußballspiel der Tiere? Die Geier, die sich sofort auf jeden Krankheitsfall eben wie die Geier stürzten und dann enttäuscht wieder von dannen schlichen, wenn es nichts zu tun gab? So bremste ein Krankenwagen nach dem anderen neben mir. „No hospital, I want to go to the finish“, konnte ich gerade noch stammeln – verstanden hat es keiner. Eine Viertelstunde und eine Dose Red Bull später lag ich nicht mehr, sondern saß immerhin schon. Eine weitere Viertelstunde später stand ich gar. Und allmählich wurde mir immer klarer: Wenn ich irgendwie ins Ziel will, dann muss ich da allein hin.

Die Geier warteten immer noch darauf, dass ich kollabiere. Einzelne Streckenposten kamen, hielten Maulaffen feil und gingen wieder. Ich wurde richtig wütend. Was sollte ich mit dem schönen Finishershirt machen? Was denken die Leute, die seit Ewigkeiten auf mich im Ziel warteten? Ich schlurfte vom Parkplatz weg, sah keine zehn Schritte später die Kathedrale von Palma vor mir. Ging, lief, rannte wie die Inkarnation von Forrest Gump. Ein Kilometer vorm Ziel warteten die anderen Lüneburger auf mich, schwenkten ein Plakat („Poolboy gesucht“) und jubelten. Ich hatte die Gänsehaut meines Lebens.

In der Katastrophenzeit von 4:47:19 erreichte ich das Ziel und strahlte, als wenn ich mir gleich die Siegprämie abholten könnte. Noch nie hat mir ein alkoholfreies Bier besser geschmeckt. Kein Muskel schien müde, keine Sehne meldete Schmerzen – das kam alles etwas später. „Nie wieder“, war mein erster Gedanke. „Nie wieder auf Malle“, mein zweiter. Mein persönlicher Medizinmann Ferdi war trotzdem stolz auf mich und erklärte, was schief gelaufen ist: „Deine Speicher waren völlig alle. Das war der klassische Mann mit dem Hammer.“

Hammerhart. Er hat mir jetzt ein Hammergel geschenkt, Geschmacksrichtung Vanille, und hätte mich am liebsten gleich für den Hamburg-Marathon angemeldet. Okay. Sprechen wir 2015 wieder darüber.

Ein PS von 2012: Meine Zwischenzeiten sind auch heute noch für die Nachwelt gespeichert – ein Bild des Grauens. 2:02:08 Stunden für die letzten 12,195 km, das ist schon eine Leistung…

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